Bevor die Bohnen und der Reis im Topf landen, müssen die Kinder im Waisenhaus Mother's Mercy Home sie erst sortieren.Wer diesen Kindern zusieht, fühlt sich an das Märchen „Aschenputtel“ erinnert: Mit flinken Fingern picken sie die schwarzen Körnchen aus einem Haufen Reis. Die guten ins Töpfchen,
die schlechten ins Kröpfchen. Hier in Kiambu kommt der Reis nicht abgepackt aus dem Laden, sondern in Säcken vom Markt. Der muss erst sortiert werden. Kein verdorbenes Körnchen soll später im Topf landen, wenn Peter, der Koch, das Essen zubereitet: 18 Kilo Reis, dazu Ndolé – eine Art Spinat, – gewürzt mit Pfeffer
und Zwiebeln. Ein alltägliches Gericht hier im Osten Afrikas.
99 Kinder müssen davon satt werden, deren Leben kaum einem Märchen gleicht. Denn die meisten von ihnen haben keine Eltern mehr. Ihr Zuhause ist das Kinderheim Mothers’ Mercy Home in Kiambu, Kenia. Eine Stunde dauert die Fahrt von der Hauptstadt Nairobi dorthin – über Löcher im Teer, vorbei an Lehmhütten und Menschen, die von der Feldarbeit aufsehen und winken. Die Luft ist feucht, die Erde rot, und auf einem der vielen grünen Hügel steht das Kinderheim.
Früher war es eine Baracke mit Wellblechdach, durch das in der Regenzeit das Wasser tropfte und worunter sich in der Trockenzeit die Hitze staute. Seit 2008 steht dort nun ein Haus mit Ziegeldach. Daneben ein Ziegenstall, hinter den Bananenstauden muht eine Kuh, zwischen den Beinen tapst ein Hundewelpe.
Gebaut werden konnte all das mit Hilfe eines Vereins namens Cargo Human Care. Dieser wurde von Frachtpiloten der Lufthansa und deutschen Ärzten gegründet. Sie sorgen dafür, dass die Kinder zur Schule gehen können, genügend zu Essen haben und zum Arzt gehen, wenn sie krank sind.
Das alles kannten Kinder wie Faith nicht, bevor sie ins Mothers’ Mercy Home kamen. Denn in Kenia gelten Waisen, die ihre Eltern an die Krankheit Aids verloren haben, oft als Kinder ohne Wert. Faith ist daher froh, dass sie im Alter von fünf Jahren in das Waisenhaus geschickt wurde. „Hier hab’ ich alles, was ich
brauche“, sagt die 14-Jährige.
Viel ist es nicht. Wer in die Schlafräume einen Blick wirft, sieht zwei Stockbetten und einen Schrank. Darin liegen ihre Habseligkeiten – Kleider, Stofftiere und Schulsachen. Letztere liegen besonders weit hinten. „Wir haben Ferien“, sagt Faith. Also wird lediglich der Kamm hervorgekramt. Faith kniet sich vor ihre Freundin, um deren schwarze Zwirbellocken in winzigen Zöpfchen zu bändigen. Dabei unterhalten sich die Mädchen über Popsänger und die Jungs – „die oft ziemlich nerven“.
Einen Tag braucht es,umdie Zöpfchen zu flechten. Während der Schulzeit bleibt dafür kaum Zeit. Da klingelt der Wecker um 5 Uhr morgens. Nach dem Frühstück hupt draußen der Bus, der die Kinder zur Schule bringt. Von halb neun bis nachmittags um vier besuchen sie den Unterricht, dann geht es wieder zurück.
Im Hof klappern Teller und Tassen. Gespült wird mit Schlauch und Wasser, das zuvor auf dem Ofen erhitzt wurde. Eine Geschirr-spülmaschine gibt es nicht, ebenso wenig einen Fernseher. Die Kinder vertreiben sich die Zeit oft mit Tischtennisspielen oder Singen. „Nambo sana sana“ heißt eines ihrer Lieblingslieder – „Alles ist gut“.
Infos über das Waisenhaus gibt es unter www.cargohumancare.de
![]() |
||
|
Peter, der Koch, muss für die 99 Kinder täglich 18 Kilo Reis kochen. Und das ohne einen Herd und ohne eine Spüle. Gekocht wird auf einem Holzofen.
Foto: Regine Warth Bild 1 von 4
|
![]() |
|
Regine Warth, Nairobi