Noch gibt es in Deutschland 17 Atomreaktoren. Laut der Bundesregierung sollen die irgendwann alle abgeschaltet werden - aber nicht sofort.Morgens um acht: Das Licht geht an, im Bad wird warmes Wasser gebraucht, der Föhn läuft, Radio und Kaffeemaschine werden eingeschaltet. Es ist wie ein kleines Wunder: Aus der Steckdose kommt beliebig viel Strom, wann immer man will und so viel man braucht. Dank der vielen Kraftwerke, die aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas Energie gewinnen - und eben auch aus der Atomkraft.
Atomenergie ist von all diesen Möglichkeiten, Strom zu erzeugen, die umstrittenste. Auf der ganzen Welt gibt es 435 Atomkraftwerke. Sie liefern rund ein Siebtel des Stroms, den die Menschen tagtäglich verbrauchen - und sind für das Klima viel besser als Öl, Kohle oder Gas. Noch etwas haben sie anderen Kraftwerken voraus. Während die Vorräte an Öl oder Kohle bald aufgebraucht sind, reichen die Stoffe, aus denen Atomstrom erzeugt wird, noch länger aus.
Denn die Energie, die man zur Gewinnung von Atomstrom braucht, steckt in winzig kleinen Teilchen - den sogenannten Atomen. Mit bloßem Auge sind sie nicht zu sehen.
Jeder Gegenstand, jedes Lebewesen besteht aus Atomen. Das Wort Atom kommt aus dem Griechischen und bedeutet eigentlich "unteilbar". Fälschlicherweise. Denn Atome sind sehr wohl teilbar. Sie bestehen aus einer Hülle und einem Kern, der sich wiederum aus noch kleineren Teilchen zusammensetzt. Bei den meisten Atomen kleben diese fest zusammen. Andere fallen von ganz allein auseinander - wie bei dem Stoff Uran. Dadurch wird Energie freigesetzt, die sogenannte Kernenergie.
Die Kraft dieser Winzlinge ist gewaltig - und ist sie erst mal freigesetzt, lässt sie sich kaum wieder bremsen. Wie bei einem großen Dominospiel, bei dem nur ein Stein umfallen muss, um alle anderen Steinchen mit umzuschmeißen, muss auch nur ein Atomkern zerstört werden, um alle anderen Atome in seiner Umgebung zum Platzen zu bringen.
Wie kleine Blitze schießen die Atomteilchen durch die Gegend. Treffen sie auf andere Atome, zerfallen die ebenfalls in Einzelteile, die wiederum andere Atome zerstören. Das wiederholt sich immer und immer wieder: Freie Teile spalten Atome und setzen neue Teile frei und damit auch immer mehr Energie. Wissenschaftler nennen dies atomare Kettenreaktion.
In Atomkraftwerken wird die Kraft der Kerne friedlich genutzt. Mit der Energie, die bei der Kernspaltung entsteht, wird Wasser erhitzt. Dabei bildet sich Wasserdampf, der Turbinen antreibt. Die wiederum erzeugen Strom.
Das hört sich zwar sicher und harmlos an. Ist es aber nur bedingt. Trotz vieler Sicherheitsmaßnahmen kann es zu Explosionen kommen, wenn die Kettenreaktion aus dem Ruder läuft. Das wäre eine Katastrophe. Denn bei der Spaltung der Atomkerne entsteht nicht nur Energie, sondern auch Strahlung. Die könnte nach außen gelangen und alles verseuchen - ohne dass es jemand merkt.
Radioaktive Strahlung ist tückisch. Sie schmeckt nicht, sie riecht nicht. Eine unsichtbare Gefahr. Denn die radioaktiven Strahlen zerstören Körperzellen und verursachen Krankheiten wie Krebs. Auch Pflanzen und Tiere werden krank. Einmal verstrahlt, werden ganze Landstriche für Jahrzehnte, vielleicht für Jahrhunderte unbewohnbar. Außerdem ist immer noch nicht geklärt, was mit dem radioaktiven Müll passieren soll, der in den Reaktoren entsteht. Denn das Uran kann noch Tausende Jahre strahlen.
Noch gibt es in Deutschland 17 Atomreaktoren. Laut der Bundesregierung sollen die irgendwann alle abgeschaltet werden. In anderen Ländern werden aber sogar noch neue Reaktoren gebaut, beispielsweise in Finnland. Der Streit, ob die Menschen jemals ohne Atomkraft leben können, geht also weiter.
Regine Warth