Im Haupt- und Landgestüt Marbach leben und 500 Pferde. Wo bewaldete Bergkuppen sich mit trockenen Wiesen abwechseln und ein Fluss namens Lauter sich zwischen den Hügeln schlängelt, da wird so mancher Mädchentraum Wirklichkeit. Denn dort, mitten auf der Schwäbischen Alb, stehen sie – langbeinig, mit seidiger Mähne – und wiehern Fremden entgegen: die Pferde des Haupt- und Landgestüts Marbach, eine der ältesten Pferdezüchtereien im Land.
Ein Königreich für ein Pferd, wie es so schön heißt, wollte der württembergische Herzog Ludwig damals im Jahr 1573 nicht hergeben. Doch ein paar Wiesen nahe dem Ort Gomadingen hatte er für die edlen Reittiere schon übrig. Ein Baumeister wurde einbestellt und schon standen in den Stallungen die ersten herzöglichen Pferde.
Nur 250 Jahre später wehte ein Hauch von Orient über die Schwäbischen Alb. Denn dann kam der König Wilhelm I. angeritten – auf seinem temperamentvollen Araberhengst Bairactar. Mit dem Pferd, das er in Nordafrika Beduinen abgekauft hatte, begründete er die Araberzucht, für die das Gestüt heute berühmt ist. Die zierlichen Wüstenpferdchen sind bei Reitern nämlich sehr begehrt.
Draußen auf der Weide grasen inzwischen die Nachfahren des berühmten Hengstes. Langbeinige Fohlen mit noch strubbeliger Mähne und feuchten Nüstern, die ihren Kopf immer wieder unter den Bauch der Mutter strecken, um sich satt zu trinken. Doch einen König, der vorbeischaut und seine Jungpferde begutachtet, gibt es nicht mehr. Dieses Vorrecht haben heute die vielen Pferdenarren, wie die 15 Kinder von der Aktion „Schlau-mit-Paul“. Denn das Gestüt Marbach kann von jedem besichtigt werden. Seit es keine Könige mehr gibt, ist das Gestüt im Besitz des Landes Baden-Württemberg und gehört damit allen im Land.
Haupt- und Landgestüt
Wer in seinem Pferdestall Nachwuchs haben möchte, ruft in Marbach an. Dort stehen die teuren Hengste, die schon landesweit so manche Stute zur Mutter gemacht haben. Die Marbacher Hengste stehen nämlich jedem Pferdezüchter in Baden-Württemberg zur Verfügung. Daher auch der Name Landgestüt. Doch Marbach verleiht nicht nur seine Hengste, sondern züchtet auch selbst welche, die wiederum zur Zucht verwendet werden. Deshalb nennt sich Marbach auch Hauptgestüt. Doch nicht jeder neu geborene Hengst darf bleiben. Nur wer von den Jungtieren eine 100 Tage andauernde Prüfung bestanden hat, bleibt in der Zucht.
Brandzeichen
Die Pferde aus Marbach erkennt man am Popo: In den Hinterbacken der Vierbeiner ist nämlich der Buchstabe „M“ für Marbach eingebrannt und dazu das Hirschhörnle. Das Symbol der Württemberger ist mehr als 1000 Jahre alt. Das Brandzeichen tut übrigens den Pferden nur kurz weh. Nach ein paar Tagen ist die Wunde schon verheilt.
Stallungen
In Marbach lässt sich’s leben. Vier auf drei Meter sind die Boxen groß, in denen die Pferde stehen. Sogar mit Klimaanlage. Denn die Wände der Boxen haben Schlitze, damit die Luft durchziehen kann. So bleibt der Einstreu immer durchlüftet und müffelt nicht. Und wenn die Pferde im Winter nass geschwitzt vom Reiten kommen, dürfen sie auch unter die Wärmelampe. Nach so einer Behandlung trabt es sich ganz leichtfüßig wieder in die Box – ganz ohne ohrenbetäubendes Hufgeklapper. Denn statt mit Steinen ist der Stallboden mit Eichenholz gepflastert.
Fohlen
Wenn im Februar noch Schnee die Alb bedeckt, kommen im warmen Stall die ersten Fohlen zur Welt – und zwar mit den Vorderfüßen zuerst. Dann folgt der zwischen den Beinen eingeklemmte Kopf, schließlich der Rest. Um bei der Geburt die Mutter nicht zu verletzten, sind die Hufe mit einer Hautschicht abgepolstert, die später abfällt. Denn mit Puschen läuft’s sich schlechter. Und das Fohlen muss doch schon kurz nach der Geburt so schnell sein wie die Mutter. Doch vorher wird getrunken. Und wie. Bis zu 18 Liter Muttermilch trinkt ein Fohlen am Tag.
Namen
Not macht erfinderisch – wenn es um die Namen der neu geborenen Fohlen geht. Denn die müssen immer mit dem Anfangsbuchstaben beginnen wie der Name des Vaters. Ist das ein D, so kann das Fohlen auch mal Diddlmaus heißen – selbst wenn es in ein paar Jahren ein ausgewachsenes Kaltblut ist. Nur bei den Araberfohlen ist es umgekehrt: Die heißen nach der Mutter.
Info: Das Gestüt Marbach bietet in den Sommerferien täglich Führungen an. Weitere Infos gibt es im Internet, www.gestuet-marbach.de
Regine Warth