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Bei Hofe wurde nicht paarweise getanzt. Vielmehr fassten sich alle an den Händen und tänzelten erst rechts dann links im Kreis herum. (Foto: Warth) Bei Hofe wurde nicht paarweise getanzt. Vielmehr fassten sich alle an den Händen und tänzelten erst rechts dann links im Kreis herum.
Foto: Warth

Feste feiern in der Einsamkeit

Besuch im Schloss Solitude

Sie mussten sich warm anziehen. Das glimmende Feuer in den Kaminen vermochte die Gäste kaum zu wärmen, die einst im Schloss Solitude aus und ein gingen. Kalt war es im Musikzimmer, in dem der Herzog auf dem Cembalo spielte. Kalt war es auch in dem Ballsaal, dessen Decke ein Künstler als Leinwand genutzt hat. Wer sich dort zum Tanz traf, war froh um die langen Röcke und die Perücken, die doch ein wenig Wärme spendeten.

Selbst heute, mehr als 200 Jahre später, kommt der Besucher ins Frösteln, wenn er durch das Schloss schlendert – so auch die Teilnehmer der Schlau-mit-Paul-Aktion.

Kein Wunder also, dass die Solitude lediglich zur Schau diente, um Gäste darin zu empfangen. Gewohnt wurde im Schloss, das auf einem Hügel nahe bei Weilimdorf thront, zu keiner Zeit.
Es war wohl einer Laune des Herzogs Carl Eugen von Württemberg zu verdanken, dass es das Schloss überhaupt gibt. Man sagt, dass Carl Eugen 1763 bei einer Jagd an dem Hügel die Idee hatte, ein einfaches Häuschen zu bauen, um die Einsamkeit zu genießen.

Kurz darauf wurde der Grundstein gelegt – für ein Schloss mit einem Garten so groß wie 150 Fußballfelder. Eigentlich hatte der Herzog für so ein Schloss gar nicht so viel Geld – er baute es trotzdem.

Sechs Jahre später war es mit dem Prunk schon vorbei. Der Herzog baute sich ein neues Schloss in Hohenheim. Der Bau zerfiel, die Gärten verwilderten. Und mit den Jahren wurde Schloss Solitude wieder zu dem, was sein französischer Name Solitude eigentlich bedeutet – einsam.

Freitreppe:
Glücklich konnte sich der Gast schätzen, der vom Herzog Carl Eugen auf der Freitreppe empfangen wurde – und zwar auf der untersten Stufe. Das bedeutete nämlich, dass der Herzog den Gast sehr mochte. Musste er jedoch erst die oberste Stufe erklimmen, war klar: Er ist nicht sehr willkommen.

Musikzimmer:
Die vielen Spieglein an der Wand zeigen nicht nur an, wer die Schönste ist im ganzen Land – sie dienen dazu, den Raum größer und heller wirken zu lassen. Denn je später die Stunde, desto düsterer wurde es im Schloss. Dann wurden Kerzen angezündet, deren Licht sich vielfach spiegeln konnte. So konnte der Herzog beim Musizieren auch die Noten besser lesen.

Feste
Der Herzog liebte Feste. Die Speisen dafür wurden aber nicht im Schloss gekocht. Zu sehr fürchteten die Diener, das Gebäude dabei in Brand zu stecken. Also wurde das Essen von den Nebengebäuden ins Schloss getragen – bis es aber auf dem Teller landete, war so manch gebratenes Rebhuhn mitunter recht kalt geworden.

Tanz
Keine Party ohne Tanz. Doch wer glaubt, die Gäste schwangen nur paarweise ihr Tanzbein, irrt. Vielmehr fassten sich alle an den Händen und tänzelten erst rechts dann links im Kreis herum, stellten sich auf die Zehenspitzen und machten einen Knicks.

Kleider
Die Frauen trugen ausladende Reifröcke und quetschten sich in enge Korsetts. Nicht selten fiel eine der Damen in Ohnmacht, weil ihr die Luft wegblieb. Die Herren trugen Kniehosen und Kniestrümpfe samt Jacke. Sie schwitzen unter schweren Perücken, in deren Haaren sich – trotz Puderns – Ungeziefer einnistete.

Sauberkeit
Wasser ist zum Waschen da – sollte man meinen. Doch vor 200 Jahren wuschen sich die Adligen nur, wenn es unbedingt sein musste. Sie glaubten nämlich, dass das Wasser Krankheiten übertragen könnte. Hautkrankheiten wurden mit Puder überdeckt, schwarze Zähne mit Wachs geweißt, und gegen den Gestank halfen parfümgetränkte Spitzentücher.

Geheime Sprache und Gänge
Am Hof wird viel getuschelt. Und nicht jedes Wort sollte gehört werden. Also gab man sich einen Wink – beispielsweise mit dem Fächer. Wedelte die Dame links, hieß das: „Wollen wir uns treffen?“, wedelte sie rechts, hieß das: „Achtung, wir werden beobachtet.“ Solche geheime Zeichen halfen auch beim Flirten: Je nachdem, wo die Dame ihren Schönheitsfleck ins Gesicht malte, konnte ihr Gegenüber erkennen, ob sie verheiratet oder temperamentvoll war.

Zog sich ein Fest doch etwas in die Länge, verschwand der Herzog auch gern einmal – durch einen der vielen Geheimgänge, die sich hinter Tapeten verbargen. So konnte er unbemerkt zu Bett gehen. Das stand nicht etwa im Schloss. Er wohnte lieber in den Gebäuden, wo auch die Dienstboten untergebracht waren. Die waren besser geheizt.

INFO: Wenn ihr auch mal eine solche Führung unternehmen wollt, müsst ihr euch erkundigen, bei:

Schloss Solitude
Schlossverwaltung
Solitude 1
70197 Stuttgart
Telefon (07 11) 69 66 99
Telefax (07 11) 6 20 50 51
info@schloss-solitude.de
www.schloss-solitude.de

 
Die Gäste wurden auf Schloss Solitude stets an der Freitreppe empfangen.
Foto: Warth
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Regine Warth