Niklas sitzt im Kabinettssaal auf dem Platz von Günther Oettinger. In dem Saal besprechen der Ministerpräsident und seine Minister viele wichtige Dinge.Was für ein Glückspilz! Wenn Günther Oettinger auf dem Balkon vor seinem Büro steht, hat er eine prächtige Aussicht: Er blickt in einen Park mit einem Rosengarten und vielen schönen alten Bäumen. Dahinter liegen der Stuttgarter Süden und das Nesenbachtal.
Oettingers Büro befindet sich in der Villa Reitzenstein auf einem Hügel in Stuttgart. Das Haus sieht aus wie ein kleines Schlösschen. Da drinnen könnte man sich glatt wie ein König fühlen. Manche Leute sagen zu Günther Oettinger auch Landesfürst. Schließlich ist der 55-Jährige der Ministerpräsident von Baden-Württemberg und regiert mit seinen Ministern unser Bundesland.
Eine Krone trägt er deshalb aber noch lange nicht. Der Spitzname Landesfürst ist nur Spaß. Oettinger darf nicht alleine bestimmen. Dennoch hat er viel zu entscheiden. Als Chef der Landesregierung muss er darauf achten, dass sich das Land gut entwickelt. Er sucht sich in der Regel seine Minister aus und bestimmt die grobe Richtung der Politik. Die Gesetze machen aber die Politiker im Landtag. Der Landtag ist das Parlament in Baden-Württemberg.
Weil also Günther Oettinger eine wichtige Person ist, wird die Villa Reitzenstein sehr gut von Polizisten bewacht. Keiner kann einfach so reinspazieren und Guten Tag sagen. Am Montag aber durften sich 15 Jungen und Mädchen in dem Schlösschen umsehen. Sie hatten sich bei unserer Aktion Schlau mit Paul beworben und durften an einer Führung durch die Villa teilnehmen.
An diesem Tag ist Günther Oettinger nicht im Haus, sondern im Land unterwegs. Elmar Steinbacher (42) begrüßt die Kinder in der Empfangshalle. Normalerweise ist er als Personalleiter unter anderen für die Mitarbeiter des Ministerpräsidenten zuständig. Heute aber wird er einige interessante Dinge über die Villa verraten. "Was meint ihr, wie alt ist dieses Haus?", fragt er. "Sehr alt!", steht für Alicia (11) fest. Genauer: Die Villa wurde zwischen 1910 und 1913 gebaut, also vor rund 100 Jahren.
Aber von wem nur? Der Name des Hauses gibt einen Hinweis: Es war die Baronin Helene von Reitzenstein. Bei ihrer Geburt 1853 hieß sie allerdings noch Helene Hallberger. Ihr Papa Eduard Hallberger war ein Verleger. Er stellte Bücher her – und das sehr erfolgreich. "Er war damals der fünftreichste Mann in Württemberg", erzählt Steinbacher.
Seine Tochter Helene war also ein Goldmädchen. Das heißt: "Wenn man die heiratet, heiratet man auch viel Geld", sagt Steinbacher. Und so bekam sie einen Adligen zum Mann. Einen Adelstitel zu haben war damals ähnlich toll wie viel Geld zu haben. Der Freiherr Carl Friedrich Sigmund Felix von Reitzenstein hatte einen Adelstitel, aber eben kein Geld. Die Hochzeit mit Helene machte ihn reich – und sie adlig. Ein guter Handel. Ob die beiden auch ineinander verliebt waren, weiß man nicht so genau. Leider starb Carl von Reitzenstein recht bald.
Nach seinem Tod ließ Helene die Villa bauen – mit allerlei Schnickschnack: Es gab rund 60 Zimmer, goldene Wasserhähne und elektrisches Licht. Das war zu jener Zeit was Besonderes. Außerdem stand in der Villa das vierte Telefon, das es damals in Stuttgart überhaupt gab. Neun Jahre lang wohnte Helene in der Villa. Das heutige Büro von Günther Oettinger war ihr Frühstückszimmer. Doch dann zog Helene nach Bayern, wo sie mit 91 Jahren starb.
In der Villa hatten nach Helenes Wegzug verschiedene mächtige Leute ihre Büros. Seit der Gründung des Bundeslandes Baden-Württemberg 1952 ist sie der Amtssitz des jeweiligen Ministerpräsidenten. Oettinger ist der siebte. Und wie seine Vorgänger empfängt er berühmte und wichtige Leute in der Villa. Ab und zu verleiht er auch Orden an Menschen, die besondere Dinge geleistet haben. Einer dieser Orden ist die Staufermedaille, die euch Linus auf dem Bild links zeigt. Wer die bekommt, steht bestimmt stolz im Runden Saal der Villa. Und wenn er dann aus dem Fenster in den Park guckt, fühlt er sich vielleicht wie ein König.
Patricia (8) war dabei in der Villa Reitzenstein und hat einen Bericht über den Ausflug geschrieben. Hier findet ihr ihn.
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Mauern und Stacheldrahtzäune schirmen das Gelände der Villa Reitzenstein ab.
Foto: Marko Belser Bild 1 von 28
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Marie-Luise Joepgen